Eröffnung Café Einstein Emden

Kneipenkultur und Thekengeflüster

Café, Kulturkneipe, Wohnzimmer – das Café Einstein ist vielseitig und in Emden ein Anziehungspunkt für Schüler, Studenten und Alteingesessene gleichermaßen. Zum dreißigjährigen Bestehen lohnt sich ein Blick auf Menschen, Kultur und Geschichten, welche die Kultkneipe seit drei Jahrzehnten beleben.

Von Katharina Wegmann

Der Laden war innerhalb von zehn Minuten rammelvoll“, erinnert sich Johannes, genannt „Urmel“, Meyering an den Eröffnungsabend des Café Einstein vor 30 Jahren. Jetzt, an einem Nachmittag im Frühjahr 2018, herrscht hier mäßiger Betrieb. Ein paar Stammkunden haben es sich Zeitung lesend auf den altmodischen Sofas gemütlich gemacht und draußen auf dem anliegenden Spielplatz toben ein paar Kinder, während ihre Eltern Kaffee trinken. Unterdessen schwelgen Urmel Meyering und Jens Friesenborg, dem das Einstein heute gehört, in Erinnerungen.

„Eine fixe Idee“, so könnte man den Einfall, den Urmel und seine Freunde Michael Bucksath und Andrea Schink Ende der 80er-Jahre hatten, wohl bezeichnen. Ihre damalige Stammkneipe, das „Appelboom“, lag nur zwei Häuserecken vom heutigen Einstein entfernt, doch als die damals einzige Studentenkneipe der Stadt einer Modernisierung unterzogen werden sollte, passte das vielen Stammkunden und Teilen des Personals so gar nicht. Urmel und seine Freunde zögerten nicht lange und baten die Jever-Brauerei um eine Schanklizenz für den gerade erst freigewordenen Laden an der Bollwerkstraße um die Ecke — ohne Erfolg. Vielleicht machten die drei langhaarigen Freunde Anfang 30 damals auch nicht den vertrauenswürdigsten Eindruck, mutmaßt Urmel heute schmunzelnd. Nach ein paar Wochen klappte es aber plötzlich doch und trotz einiger Startschwierigkeiten – denn anfangs nahm es das größtenteils aus dem Appelboom übernommene Personal mit der Zeche nicht so genau – etablierte sich das Einstein schnell in der Emder Kneipenszene: „Und dann war erstmal jeden Abend Party.“

Nach fünf turbulenten Jahren verkaufte Urmel Meyering das Einstein an Boris von Engelbrechten und widmete sich wieder seiner eigentlichen Arbeit als Tischler sowie den zahlreichen Kulturprojekten, für die er in Emden stadtbekannt ist. Jens Friesenborg übernahm die Kneipe 1997, als sein Chef von Engelbrechten kurzerhand nach Sansibar auswanderte. Dass das Einstein dann so lange in seinen Händen bleiben sollte, hatte er nicht geplant. Doch wie seine Stammkundschaft, zu der der damalige Student vor der Übernahme selber gehörte, hängt Friesenborg an seiner Kneipe und an den Menschen, die dort ein- und ausgehen. Das Publikum im Einstein war über die Jahre stets gemischt, doch tummeln sich hier vor allem diejenigen Emder Kneipen- und Cafégänger, die es gern ein bisschen alternativer mögen: Menschen, die Musik abseits des Mainstreams bevorzugen und die es wochenends nicht unbedingt in die örtlichen Diskotheken zieht.

Dazu passt die gemütliche Einrichtung, die sich irgendwo zwischen uriger Kneipe, hipper Bar und Großmutters Wohnzimmer verorten lässt. Viele Gäste kommen nach der Arbeit auf einen Plausch vorbei, andere lassen am Wochenende beim ein oder anderen Bier oder beim Tischkickern die Arbeitswoche ausklingen. Eine typische Klientel ist auch von Anfang an die Oberstufenschüler und Abiturienten der Emder Gymnasien gewesen. Von ihnen sind viele mehrmals in der Woche oder sogar täglich im Einstein und sie müssen sich dafür nicht mal verabreden, denn „irgendwen trifft man hier immer“, meint Friesenborg.

Nach über 20 Jahren als Kneipenbesitzer hat er so einige Generationen von Stammgästen kommen und gehen sehen. Ein besonderes Highlight ist deshalb für ihn die Weihnachtszeit, wenn bereits verzogene, Rückkehrer und in der Heimat gebliebene wieder einkehren, um sich ein frohes Fest zu wünschen und zu feiern. Dann tummeln die Gäste sich auch schon mal bis draußen auf die Straße, der Kälte und dem ostfriesischen Winterwetter trotzend.

 

 

GESCHICHTEN AUS 30 JAHREN

Neben diesen und anderen Traditionen, zu denen zum Beispiel auch das gemeinsame Fußballschauen zur Welt- oder Europameisterschaft oder das monatliche Frühstück gehören, hat sich das Einstein über die Jahre auch immer wieder gewandelt. Mehrfach hat es Umbauarbeiten gegeben, die letzte größere Renovierung liegt erst wenige Jahre zurück. Dabei wurde fast alles einmal runderneuert: Tische, Theken, Toiletten, Fußboden, Wandverkleidung – nur das übergroße Bild von Albert Einstein über der Theke hängt noch stets an seinem Platz.

Seit es auf dem Vorplatz einen Spielplatz gibt, kämen auch viel mehr Familien her, die das Geschäft vor- und nachmittags belebten, sagt Jens Friesenborg. Einige der Eltern, zu denen er sich inzwischen selber zählen kann, kennt er von früher, als diese noch Schüler oder Studenten waren und hier schon damals ein- und ausgingen. Weil er guten Kontakt zu vielen seiner Gäste pflegt, ist es schon auch zu manch kurioser Anfrage gekommen. So wollte vor einigen Jahren ein Paar vom Einstein-Chef wissen, ob er die rote Ledercouch, die einst in seiner Kneipe stand, noch besitze. Die beiden hatten sich auf eben diesem Sofa kennengelernt und wollten sie als Zeichen ihrer Liebe in ihre Wohnung stellen. Friesenborg kam diesem Wunsch gerne nach und überließ dem Paar das Möbelstück.

Weil sich über die Jahre viele solcher Geschichten gesammelt haben, gibt es einen kleinen Briefkasten neben der Theke. Unter dem Motto „Thekengeflüster“ kann dort jeder der möchte seine Anekdote aufschreiben und einwerfen. Einmal wurden schon die schönsten Geschichten gesammelt und online veröffentlicht. Darunter findet sich zum Beispiel eine Erinnerung an einen verschneiten Abend im Januar, der in der Gemütlichkeit der Stammkneipe verbracht wurde. Oder eine Anekdote über einen emsigen Kellner, der sich auch nach neun Monaten noch daran erinnerte, dass man beim letzten Besuch die Zeche geprellt hatte. Die meisten Beiträge aber sind Danksagungen für eine schöne Zeit. In einer Botschaft an das Einstein heißt es sogar: „Du bist nicht nur ein Café, du bist ein zweites Wohnzimmer. Wer dich einmal betreten hat, weiß warum dich alle lieben.“

 

 

Impressionen von der Jubiläumsfeier, 30 Jahre Café Einstein